• Marco Schütte

Zur Birkhahnbalz am Jenner - Mitten auf der Baustelle


Ende April ging es zur Birkhahnbalz auf den Jenner am Königssee, unmittelbar an der Grenze zum Nationalpark Berchtesgaden. In der Regel gebe ich, wie die meisten Wildtierfotografen, nur sehr ungern die Orte bekannt, an denen ich Wildtiere fotografiere, um die Tiere vor einem "Massenauflauf" zu schützen. Dieses mal möchte ich aber auf eine besondere Kulisse aufmerksam machen und zeigen, dass sich Wildtiere - zumindest kurzfristig - an veränderte Lebensräume anpassen können. Wie sich die Veränderungen allerdings langfristig auswirken, wird die Zeit zeigen.

Es geht konkret um die Großbaustelle für die neue Jennerbahn. Um eines vorweg zu nehmen: ich bin nicht gegen die Modernisierung veralteter Bergbahnen. Als Skifahrer und Bergfreund nutze ich diese selber, wenn es bequem sein soll. Am Jenner geht es mir aber um die neuen Dimensionen, die dort oben direkt an der Grenze zum Nationalpark geschaffen werden. Der ganze Gipfel und viele Bereiche bis zu einigen hundert Höhenmeter unterhalb davon gleichen einer Großbaustelle in einer Großstadt. Tausende Kubikmeter Erde und Geröll wurden bewegt und entfernt, um Platz für eine neue Gondel, zwei neue Sessellifte, unterirdische Stromkabel und eine großzügige Zufahrtsstraße auf den Gipfel zu schaffen. Zwar verspricht der Bauträger eine Renaturierung nach Abschluss der Arbeiten, doch rein subjektiv betrachtet befürchte ich, dass die Narben für Jahrzehnte sichtbar bleiben und die Kapazitätserweiterung zu unkontrollierten Menschenströmen am Jenner führen werden. Wie sich das alles auf den Lebensraum der Wildtiere auswirkt, bleibt abzuwarten. Vielleicht kommt es aber auch zu einer langfristigen Anpassung.


Darf man diesen Birkhahn (zu sehen am unteren Bildrand) bereits als "lebensmüde" bezeichnen? Glaubt man dem Schild oben rechts, begibt er sich am Jenner auf alle Fälle in Lebensgefahr.

Ein zentrale Streitpunkt ist und bleibt das Birkwild, dass alljährlich um den Jennergipfel balzt. Eigentlich war man sich mit dem Bauträger einig, die Balz der edlen Rauhfußhühner nicht zu stören. Doch scheinbar wurde diese Vereinbarung mehrfach missachtet, sodass es nun zu einem gerichtlichen Baustopp gekommen ist. Dieser wird dazu führen, dass es auch in der kommenden Wintersaison nur einen eingeschränkten Skibetrieb geben wird und sich die Baukosten deutlich nach oben bewegen.

Dank des Baustopps konnten die Birkhähne relativ ungestört ihrem Balzverhalten nachgehen. Selbst die Baustellenwüste schien sie wenig zu beeindrucken, wie die folgenden Bilder zeigen. Fraglich ist allerdings, wie die Balz ohne Baustopp verlaufen wäre. Fakt ist, dass Birkwild auf Störungen sehr sensibel reagiert. Zu einem kommt es zu erhöhtem Stress, der bis zum Tod führen kann. Zum anderen kann der Nachwuchs ausbleiben und schnell zur Destabilisierung einer Population führen. Denkbar wäre aber auch, dass sich der Balzplatz einfach um ein paar Hundert Meter versetzt hätte. Ungeachtet der Spekulationen hat mich die Dimension des Bauprojekts doch nachhaltig negativ beeindruckt. Ich frage mich, ob dieses Ausmaß wirklich notwenig ist und sich die Kapazitätsausweitungen und der damit einhergehende Trubel langfristig rechnen? Welche Folgen dies für das Birkwild hat, werden wir erst in ein paar Jahren wissen, dann kann es aber auch schon zu spät sein.



Optisch gleicht der neue Balzplatz einer Wüste


Birkhähne balzen nicht nur am Boden, sondern gerne auch auf den am Balzplatz angrenzenden Bäumen. Schon von weitem ist der typische Balzgesang zu hören, auch Kullern und Zischen genannt.


Normalerweise bevorzugen Birkhähne Schneeflächen als Balzarena. Dort werden die Hennen "tanzend" und "singend" umworben und sich mit Nebenbuhlern gestritten. In diesem Jahr war der Schnee - trotz eines sehr schneereichen Winters - durch eine ungewöhnliche Wärmeperiode im April bereits stark geschmolzen. Dieser Hahn nimmt eine der verbleibenden Flächen daher dankend an.


Der Schnee konnte im Winterhalbjahr die Naben der Baustelle gut verdecken. Mit der starken Schmelze kommen sie wieder zu Tage. Diesen Hahn scheint das aber alles nicht zu beeindrucken.


Aufgrund meiner Beobachtungen und dem Lauschen des Balzgesanges schätze ich die Anzahl der balzenden Hähne an der Jennerbaustelle an diesem Morgen auf 6 bis 8 Stück. Hennen wurden keine gesichtet, diese verlassen den Balzplatz aber meist schon bei Beginn der Dämmerung, wenn das Licht zum Fotografieren noch unzureichend ist.


Aufgebaumter Hahn am Rande des Balzplatzes.


Nicht nur Birkwild, sondern auch mindestens zwei Murmeltierfamilien halten sich mitten im Baustellenbereich auf. Die neue Baustraße führt nur wenige Meter an den Murmelbauten vorbei. Glück für diese Familie, dass sie nicht umsiedeln musste.


Des Murmels Aussichtsposten mit Blick auf die Baustelle.

Alle Bilder wurden im April 2018 mit einer Canon EOS 5D IV und einem Canon EF 500/4 (mit und ohne 1.4x TC) aufgenommen.

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© 2019 by Marco Schütte | Fotografie | München

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