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Außeralpine Gamspopulationen und Gamsvorkommen in Deutschland (Teil 1)

Aktualisiert: 6. Juni 2019


Wer an Gämse denkt, denkt vermutlich an Hochgebirge und die Alpen. In der Tat ist das Gamswild ein klassischer Bewohner karger Felsregionen jenseits der Baumgrenze. Was aber nur wenige wissen: es gibt auch außerhalb der Alpen Gebiete, in denen Gamsböcke regelmäßig ihre Fährten ziehen.

Mein aktuelles Fotoprojekt widmet sich diesen Populationen. Im Laufe der kommenden zwei Jahre werde ich versuchen, Gämse aus außeralpinen Populationen und deren Lebensräume in Deutschland, wie auch im direkt angrenzenden Ausland mit der Kamera zu dokumentieren und in einem Buch zusammenzufassen.

Zwei junge Gamsböcke im herbstlichen Buchenwald am Feldberg im Hochschwarzwald.


Typischer Gamslebensraum mit Felsen und Blockhalden im Zastlertal, der Wiege der Schwarzwaldgämse. Hier wurden zwischen 1935 und 1939 21 Stück Gamswild ausgesetzt. Doch schon vorher traten Gämse im Zastlertal immer wieder als Wechselwild auf.

Mittelgebirgsgams auf einer der zahlreichen Blockhalden.

Guter Gamslebensraum - Eiszeitliche Blockhalde im Hochschwarzwald.

Tatsächlich kam Gamswild (Rupicapra rupicapra) bis vor wenigen Tausend Jahren flächendeckend in vielen deutschen Mittelgebirgen vor. Heute gibt es außerhalb der Alpen nur noch Inselvorkommen. Diese sind sowohl häufig miteinander, als auch mit den Alpen über Fernwechsel vernetzt. Die größten Vorkommen befinden sich in Baden-Württemberg: dort insbesondere im Schwarzwald, auf der Schwäbischen Alb und im Donautal. Ein weiteres Vorkommen liegt in der Adelegg. Aber auch in Bayern gibt es Mittelgebirgs-Bestände nördlich der Donau. Im Elbsandsteingebirge soll es noch Gamswild als Wechselwild geben. Eine gesicherte Population liegt auf der Tschechischen Seite in der Böhmischen Schweiz. Inwieweit diese Gämse auch nach Deutschland ziehen, wird Teil meiner Untersuchung sein.

Bayerische Mittelgebirgsgämse (zwei Böcke) im Frühling.

Die Gams ist ein Felsbewohner. Sie sucht sich steile und felsenreiche Regionen als Lebensraum. Sie braucht Felswände als Rückzugsgebiete zur Feindvermeidung. Doch nicht in allen außeralpinen Vorkommen gibt es eine ausreichende Anzahl an Felswänden. Leider ist zu befürchten, dass Populationen in felsarmen Gebieten durch die Rückkehr von Wölfen stark dezimiert oder gar ausgerottet werden.


Typischer Gamslebensraum im Donautal.


Nicht überall wird das Gamswild willkommen geheißen. Die Sorge von Förstern und Naturschützern ist groß, die Gämse würden dem Wald durch den Verbiß von Knospen und Trieben schaden, bzw. seltene Pflanzengesellschaften auf exponierten Felsstandorten gefährden. Knospen und Triebe gehören neben Blättern, Kräutern und Gräsern zur Nahrungsgrundlage dieser Wildart. Dort, wo die Bestände sich infolge von falscher Bejagung, Störungen und Freizeitdruck konzentrieren oder auf Grund von Monokulturen Nahrungsalternativen fehlen, kann es durchaus zu Schäden kommen. Dabei handelt es sich aber vorwiegend um ökonomische und nur in Einzelfällen, wie im Oberen Donautal, um ökologische Schäden. Aber auch andere Ursachen, wie der Klimawandel oder der Mensch, können für diese Schäden verantwortlich sein. So hat eine Halbierung des Gamsbestands im Donautal zu keiner Erholung der Pflanzengemeinschaften geführt.


Gämse haben aber auch einen positiven Effekt auf die oben genannten Pflanzengemeinschaften: mit ihrer Losung (Kot) scheiden sie Samen aus, die an entlegen Orte transportiert werden und neu gedeihen.

Ein beliebter Schlafplatz von Gämsen auf einer Felswand im Donautal. In der Tat konnte ich beobachten, dass rund um die Ruheplätze nur eine sehr spärliche Vegetation wächst. Nur wenige Meter weiter wächst die Vegetation aber wieder üppig.


Einige Naturschützer fordern seit Jahren den Totalabschuss des Gamswildes in Teilbereichen von Baden Württemberg. Sie argumentieren, dass Gamswild dort nicht heimisch ist. Dem widersprechen Wildbiologen: Knochenfunde zeigen, dass Gamsböcke schon immer ihre Fährten im Oberen Donautal und auf der Schwäbische Alb zogen. Doch der Totalabschuss ist erst einmal vom Tisch. Die Landesregierung hat dieses Jahr eine Studie in Auftrag gegeben, welche die Ursache der Schäden an den Felsvegetationen untersuchen soll. Anschließend soll neu entschieden werden.

Zwei Gämse vor stark verbissenen Fichten. Die Entstehung solcher Bonsai-Fichten ist dem dauerhaften Verbiß der frischen Triebe zu Verdanken. Sie treten sehr begrenzt dort auf, wo sich das Gamswild aufgrund der Topographie besonders wohl fühlt und zum Ruhen zurückzieht.

Eine junge Gamsgeiß in einem Windwurf.

Seit dem Referendum zum Bienensterben in Bayern rückt der Artenschutz und die Bedrohung der Artenvielfalt wieder vermehrt in das Bewusstsein unserer Bevölkerung. Vielleicht auch eine Chance für die Gams und weitere heimische Schalenwildarten. Viele Forstämter (und auch das Bayerische Waldgesetz) propagieren den Grundsatz "Wald vor Wild". Artenschutz funktioniert aber nur dann, wenn allen Wildtieren gleichermaßen ein Bleiberecht zugesprochen wird und nicht nur ausgewählten Arten, weil es ideologisch oder politisch gerade passt. Somit sollte es zumindest "Wald mit Wild" heißen. Auf der anderen Seite müssen aber auch Bestandsregulationen und Reduktionen im gesunden Ausmaß akzeptiert und durchgeführt werden. Wir leben in einer Kulturlandschaft (und keiner Wildnis), in der nur eine Miteinander von Mensch und Natur unsere Lebensgrundlage dauerhaft schützt.

Waldgams in Bayern.

Doch wie kamen die Gämse überhaupt in ihre außeralpine Lebensräume in Deutschland? Wie bereits weiter oben erwähnt, belegen Überlieferungen und Funde von alten Knochen, dass Gamsböcke schon immer im Schwarzwald, der Schwäbischen Alb und im bayerischen Voralpenland ihre Fährten zogen. Allerorts scheint es alte Fernwechsel zu geben. Gämse sind von Natur aus sehr wanderfreudig und stets bereit, neue Lebensräume zu erobern. Zumindest dann, wenn diese vom Habitat her passen. So gibt es mündliche Quellen die erzählen, dass es zu Zeiten von sehr strengen Wintern während der letzten beiden Jahrhunderte verstärkte Wanderbewegungen aus den Alpen heraus gen Norden gegeben hat. Zahlreiche Individuen zogen nicht mehr zurück und gründeten neue Populationen. Einzelne Populationen wurden durch das Aussetzen weiterer Tiere von Menschenhand gestärkt.

Junge Gamsgeiß auf einer Blockhalde.

Eine weitere Junge Gamsgeiß. Nicht nur steile Felswände, sondern auch Blockhalden sind bei den Gämsen in den heimischen Mittelgebirgen sehr beliebt.

Meine Dokumentation wird sich großräumig über alle oben genannten außeralpinen Gamspopulationen in Deutschland erstrecken. Im Grenzgebiet zu Deutschland werde ich die Gämse in Salzburgs Stadtmitte, in der Böhmischen Schweiz und den Vogesen besuchen.

Ich bin Ihnen als Leser über jeden weiteren Tipp dankbar, wo sich Gamsböcke außerhalb der Alpen in freier Wildbahn beobachten und fotografieren lassen. Ortsangaben werden zum Schutz der Tiere, wie in der Wildtierfotografie üblich, vertraulich behandelt und nicht veröffentlicht.

In dem Blog auf meiner Seite werde ich regelmäßig über meine Erkenntnisse mit Bildern berichten.

Mittelgebirgsgams in der Abendsonne.


Flüchtendes Gamskitz mit Blick ins Tal.

Alle Fotos sind mit einer Canon EOS R in Verbindung mit einem Canon EF 600mm f4 III entstanden.

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